Manche Städte entstehen nicht nur aus Stein, Erde und Straßen. Manche Städte wachsen aus einer über Jahrhunderte angesammelten Erinnerung, aus Wissen, Wort, Arbeit und einer Vorstellung von Zivilisation. Kütahya ist eine solche Stadt. In ihrer historischen Textur sind nicht nur die Spuren von Bauwerken, Inschriften und Straßen bewahrt, sondern auch das gelehrte, spirituelle, literarische, künstlerische und staatliche Denken einer Epoche.
Die Stimme einer alten Erinnerung entstand aus dem Wunsch, diese verborgene Erinnerung in der musikalischen Sprache der Gegenwart neu hörbar zu machen. Das Werk versteht das Germiyan-Erbe nicht als ein im Vergangenen verbliebenes historisches Thema, sondern als eine lebendige zivilisatorische Erfahrung, die noch immer spricht, ruft und der Zukunft etwas zu sagen vermag.
Im Zentrum des Liedes stehen eine Stadt, eine Erinnerung und die Idee eines Weges. Die historische Linie von Choresmien nach Anatolien, das in Kütahya verwurzelte Gelehrten- und Kulturmilieu, die Madrasa-Tradition, die schöpferische Kraft von Feder und Wort, die Feinheit der Poesie, die Tiefe der Weisheit und der lange Horizont staatlicher Vernunft nähren den Geist dieses Werkes.
Die Bilder von Leuchte, Heft, Feder, Stern und Stadt stehen für das unauslöschliche Licht von Wissen und Weisheit, für die Traditionen von Madrasa, Übersetzung, Denken und Literatur, für den zum Himmel gerichteten Horizont der Weisheit und für den Erinnerungsort, in dem diese ganze Überlieferung Gestalt annimmt. Statt eine direkte Geschichtserzählung zu bauen, lässt das Lied den Geist Germiyans durch diese Bilder spürbar werden.
Auch die musikalische Struktur ist auf dieser Idee der Erinnerung aufgebaut. Das Werk beginnt mit einer mystischen und zeremoniellen Öffnung; weibliche und männliche Vokalphrasen klingen wie ein Ruf aus der Vergangenheit. Danach verbinden sich Klangfarben, die an alte Saiteninstrumente erinnern, Atemtexturen, Santur-Glanz, Streicherlinien, Daf- und Tombak-Farben, Trommelschläge und rhythmische Steigerungen mit Anklängen an die turkische Welt. So begegnen sich die Kraft der turkischen Welt, die modale Sensibilität der islamischen Zivilisation, die Eleganz der choresmischen und persischen Räume und die in Kütahya zentrierte Germiyan-Erinnerung.
In diesem Sinn ist Die Stimme einer alten Erinnerung weder nur eine nostalgische Klage noch nur eine moderne Präsentationsmusik. Es ist ein Versuch, die Vergangenheit mit der Stimme der Gegenwart neu zu denken, das Alte mit zeitgenössischer Sensibilität hörbar zu machen und an eine vergessene zivilisatorische Möglichkeit zu erinnern.
Das Grundgefühl des Werkes besteht nicht darin, sich auf eine verlorene Vergangenheit zu stützen, sondern die Stimme einer Erinnerung zu hören, die noch in uns lebt. Denn Erinnerung bedeutet nicht nur, sich zu erinnern; sie bedeutet, neu zu erkennen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen können.
Die Stimme einer alten Erinnerung ist eine musikalische Einladung zu dieser Erkenntnis: ein Ruf vom Stein zum Geist, von der Stadt zur Erinnerung, von der Feder zur Weisheit, von der Vergangenheit zum Morgen.